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The Voice of IoT. Oktober 2021

Die Digitalisierung ist nicht Selbstzweck. Die Digitalisierung soll zu besseren und nachhaltigeren Prozessen führen.

Digitalisierung, Smart City, IoT – in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, haben wir eine riesige Chance. Die Technik birgt grosses Potential, Prozesse zu verbessern, nachhaltiger zu werden, und ja – vielleicht ein bisschen übertrieben, aber doch – die Welt zu verbessern. Meine Begeisterung für das Thema ist gross. Ich konnte auf meinem Lebensweg bislang auch verschiedene Entwicklungen im Bereich Digitalisierung anstossen, mitgestalten und begleiten. Das macht mir grosse Freude.
Hans Mäder. Stadtpräsident der Stadt Wil. Schweiz
Begeisterung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht einfach alles rosarot und himmelblau ist. Die Digitalisierung mit all ihren Ausprägungen muss auch sehr vorsichtig betrachtet werden. Als Stadtpräsident möchte ich hier gerne auf einige Punkte eingehen, die es aus meiner Sicht kritisch zu betrachten respektive unter Kontrolle zu halten gilt.

Demokratische Kontrolle

Vieles, was im Bereich des Internet of Things geschieht, läuft ausserhalb demokratischer Kontrolle. Wir haben über Jahrhunderte demokratische Prozesse aufgebaut, welche in einer analogen Welt gut funktionieren und aus meiner Sicht sehr wichtig und richtig sind. Wenn nun aber alles auf amerikanische Server ausgelagert wird, wenn Algorithmen Entscheidungen fällen anstelle der Stimmberechtigten, dann wird es heikel. Dies gilt es im Griff zu behalten. Ein Aspekt ist hierbei selbstverständlich auch der Datenschutz. Zunehmend haben wir unsere Daten nicht mehr unter Kontrolle. Diese tauchen irgendwo auf der Welt auf und werden immer auch wieder für Schindluderei und krumme Geschäfte genutzt. Die Politik ist gefordert, sich mit dem Thema zu befassen und rasch passende Lösungen zu finden. Mir ist bewusst, dass das in dieser vernetzten und schnelllebigen Welt für die relativ langsamen, lokalen, eben auf eine analoge Welt ausgerichteten Prozesse, eine grosse Herausforderung ist. Es darf aber nicht passieren, dass der Fortschritt durch derartige Unterlassungen gefährdet wird oder gar in Rückschritt umgewandelt wird.

Resilienz durch Dezentralisierung

Durch die Vernetzung und grosse Abhängigkeiten ist die Resilienz des ganzen Systems gefährdet. Dies ist auch einer zunehmenden Zentralisierung geschuldet. Wir sollten darauf achten, dass die Prozesse weiterhin möglichst dezentral ablaufen. Ein Ausfall, ein Cyberangriff oder Ähnliches auf ein zentrales System hat ansonsten grosse Auswirkungen. Die Schäden, die dadurch verursacht werden, können wiederum den Fortschritt gefährden. Ich plädiere hier dafür, die Systeme – wie es in der analogen Schweizer Politik mit dem Föderalismus gelebt wird – subsidiär und möglichst lokal anzubieten. Auch hier ist mir bewusst, dass dies nicht einfach ist; insbesondere wenn man sich eine Skalierung der Effekte erhofft. Zudem ist die globale Vernetzung selbstverständlich ein zentrales Element des IoT. Ich meine, es braucht verlässliche Sollbruchstellen, welche uns vor grossflächigen Schäden bewahren.

Energieverbrauch

Die Digitalisierung ist nicht Selbstzweck. Die Digitalisierung soll zu besseren und nachhaltigeren Prozessen führen. In diesem Rahmen muss auch der Energieverbrauch im Auge behalten werden. Ein Online-Meeting verbraucht pro Teilnehmer so viel Energie wie sieben Glühlampen. Wenn die Teilnehmenden weit voneinander entfernt sind, ist es sinnvoller, ein Online-Meeting zu machen, als in ein Flugzeug zu steigen. Wenn aber beispielsweise in einer Stadt eine Sitzung stattfinden kann und alle mit dem Fahrrad zum Sitzungsort gelangen, ist dies die bessere Variante. Ich gebe zu: Es handelt sich um ein etwas triviales Beispiel. Es zeigt aber sehr gut, welche Gedanken man sich ebenfalls machen muss. Schliesslich soll die Digitalisierung nicht mehr Energie verbrauchen, sondern vor allem zur Einsparung beitragen. Auch in diesem Bereich sind wir noch nicht am Ziel. Die Stromspardebatte wurde ursprünglich insbesondere aus der Energiebranche heraus geführt. Daraus ist beispielsweise auch Smart City entstanden. Es ist der Gesellschaft aber noch nicht gelungen, dies in eine übergeordnete Strategiedebatte für ein ganz allgemein nachhaltiges Leben zu überführen.

Organisation

Uns beschäftigt zurzeit, wie wir die komplexe Thematik angemessen in der Verwaltung implementieren, wie wir sie weiterentwickeln und organisatorisch eingliedern. Ich bin überzeugt: Will man erfolgreich sein – und das ist in diesem Bereich eigentlich kein Wollen, sondern ein Müssen – braucht man die entsprechenden personellen Ressourcen und eine angemessene Organisation. Die Verwaltung muss sich markant verändern. Prozesse innerhalb der Verwaltung zu optimieren, genügt nicht mehr. Services müssen aus Sicht der Bürgerin und des Bürgers verwaltungsübergreifend gedacht und gestaltet werden. Dies fällt der Verwaltung – auch aus rechtlichen Gründen – nicht ganz einfach. Eine Stadt mit fünf Departementen muss die Digitalisierung zentral steuern und gleichzeitig bis an die Basis in den Departementen und im Austausch mit der Bevölkerung wirken können. Die entsprechende Organisation ist bei der Stadt Wil zurzeit in Erarbeitung. Denn die Zeit ist vorbei, wo man im Nebenjob ein bisschen Support bieten muss. Es handelt sich um eine hoch strategische und erfolgsentscheidende Materie. Wir sind gefordert, dies zu erkennen und die nötigen Schlüsse zu ziehen.

Über Hans Mäder

Ursprünglich als Journalist tätig, Studium der Öffentlichen Verwaltung an der Universität St. Gallen, IT-Unternehmer und Mitinhaber einer Firma lernte er die wirtschaftliche Praxis in einem KMU kennen. Als Mitglied der Geschäftsleitung einer grösseren Treuhandfirma sammelte er Erfahrung in der Führung von Mitarbeitenden. Als Gemeindepräsident einer kleineren Thurgauer Gemeinde konnte Hans Mäder zahlreiche Digitalisierungsschritte einleiten, Prozesse verbessern und die Kommunikation mit der Bevölkerung auf ein neues Niveau bringen. Seit 2021 Stadtpräsident der Stadt Wil mit 24'000 Einwohnenden sind ihm eine effiziente Verwaltung und eine nachhaltige Politik besonders wichtig: "Alles was neu ist, macht mich neugierig. Die Balance zwischen Kontinuität und Innovation ist für mich nicht immer leicht zu halten. Da die Öffentlichen Verwaltungen in der Schweiz in der Regel eher dazu tendieren, am Geregelten und Bewährten festzuhalten, kann etwas Gegengewicht nicht schaden. Wer allerdings immer nur den neuesten Trend propagiert, ist kein Innovator. Innovation hat viel mit Planung, Organisation und Beharrlichkeit zu tun. Als ehemaliger Unternehmensentwickler bin ich erfahren auf dem schmalen Grat zwischen Verlässlichkeit und Veränderung."